Sonntag, 23. August 2009

Abschiedsbeben in Tokio

Ja liebe Leser, mein bereicherndes Austauschjahr an der Universität Tokio ist zu Ende gegangen und die Erde bebte dabei.

In der Woche vor meiner Abreise ereigneten sich zwei Erdbeben der (Richter-)Magnitude 6.9 mit Epizentrum rund 100 km von Tokio entfernt. Diese Energiemenge könnte in einem Entwicklungsland grosse Zerstörung anrichten, doch die japanischen Ingenieure stellen sich schon seit langem der Gefahr und haben eine ziemlich erdbebenresistente Infrastruktur mit Frühwarnsystemen entwickelt.
In meinem Zimmer im sechsten Stockwerk begann ein vibrieren der Scheiben, dann ein spürbares Rütteln, das auch einen Lärm verursachte durch die Bewegungen der Stahlbetonwände und des Mobiliars. Obwohl die Bewegung nur klein war, hatte ich das Gefühl den Boden unter den Füssen zu verlieren, etwa wie auf einem schaukelnden Boot. Zum Schluss gabs einen Ruck so stark, dass die Olivenölflasche umkippte! (siehe Bild unten)


In Kanto (Region um Tokio) treffen vier Lithospärenplatten aufeinander. Modellhaft stellt man sich vor, das die Pazifische Platte unter die Eurasische Platte schiebt, doch diese Relativbewegung ist nicht so geschmeidig, sondern wird durch grosse Reibung behindert. Erst wenn sich genügend Energie aufgestaut hat, kann die Reibung überwunden werden und die Erde bewegt sich einige Millimeter (an bestimmten Verwerfungen sogar einige Meter), was ruckartig geschieht und ein Erdbeben verursachen kann. Aufgrund Schätzungen der aufgestauten Energie und statistischer Studien wird in Kanto ein riesiges Erdbeben erwartet in den nächsten rund 30 Jahren. Dafür werden spezielle Trainings der Bevölkerung gemacht und Prognosen versucht. In der gleichen Zeit trafen auch einige sommerliche Taifune (Wirbelstürme) auf den Süden Japans. Und man staunt, wie gut die Japaner mit ihren Naturgefahren umgehen.

Ich verliess also das heisse und feuchte Tokio mit dem Zug Richtung Shimonoseki (Westjapan), von dort mit der Fähre nach Busan (Südkorea) und bin nun in Seoul. Doch davor nochmals richtig Karaoke singen!

Sonntag, 7. Juni 2009

Blogs über Japan

Es gibt unzählige Blogs von westlich geprägten Bewohnern von Tokyo. Einige von ihnen beschreiben mit viel Feingefühl die kleinen Dinge des Alltags, die von den Japanern sehr gepflegt werden. Details, denen so viel Beachtung geschenkt wird, dass wohl manchmal auch der Überblick verloren geht. Manchmal zum Staunen, zum Schmunzeln oder gar Bewundern.
Anstatt selbst was zu schreiben, liste ich hier mal einige Favoriten auf. Teil des Bloggens ist schliesslich auch, die Leser auf weiter Quellen der Blogosphäre aufmerksam zu machen.

Eine Schweizer Familie in Tokyo:
1. Was zu Hause grün war, ist hier plötzlich rot, und umgekehrt
2. Leben im Restaurant
3. Bento, der japanische Fastfood (und auch noch den passenden Tagimagi-Artikel)
4. Verklemmtes Japan
5. Dekoden, der Handyschmuck
6. Der gelbe Blindenstreifen quer durch ganz Japan

Martin aus Karlsruhe in Tokyo:
1. Hokkaido, weit im Norden Japans
2. Konbini, der kleine Laden für alles. Und überall.
3. Manieren im öffentlichen Verkehr

Loretta aus Zürich in Kyoto:
1. Japanische Gesichter
2. Zufälligkeiten zwischen Beton und Bonsai

Sonntag, 17. Mai 2009

Mit dem Schrein durch die Gassen

Die Japaner besuchen zu verschiedenen Gelegenheiten buddhistische Tempel und shintoistische Schreine. In den Tempeln wird der Lehrer Buddha verehrt und angebetet. In den Schreinen allerdings wohnen die Gotteswesen ("Kami") selbst in animistischer Tradition, im einen der fürs Geld, die Schule oder für die Liebe.

Die tragbaren Schreine ("Mikoshi" 神輿, wörtlich: „Göttersänfte“) sind tragbare Shintō-Schreine, in denen die Kami mittels eines im Mikoshi eingelagerten Shintai reisen.
Der Mikoshi mit seinem reich verzierten Dach wird bei japanischen Volksfesten ("Matsuri") von jungen Männern und Frauen mit Hilfe zweier waagerechter Tragbalken getragen. Die Träger stemmen sich unter die Balken und tragen es mit lauten, rhythmischen Rufen durch die Straßen (klicke aufs Video).



Diese Festivals finden in verschiedenen Quartieren statt; ein sehr grossen davon ist in Kanda, im Osten Tokyo's. Einerseits bringen sie der Nachbarschaft Glück, andererseits sollen sie aber auch der Errichtung des Shogunats gedenken, das Tokyo (unter dem Namen "Edo") zur Hauptstadt machte anstatt Kyoto.

Durch eine Studentenorganisation erhielt ich die einmalige Möglichkeit, aktiv am Festival des Quartiers "Iwamoto-cho" teilzunehmen. Zuerst mussten wir uns traditionell einkleiden, von den weissen Tabi-Socken bis zum Obi-Gürtel, dann wurden wir von einem sog. "Mikoshi Meister" kurz (auf Japanisch) in die Kunst des Schreintragens eingeführt und schon ging es los. In kleinen, rhythmischen Schritten, die Querbalken des mehr als eine Halbe Tonne wiegenden Schreins auf den Schultern gelagert (klicke unten aufs Fotoalbum). Dazu wird gesungen, gerufen, ja gar gestöhnt. V.a. das Hochstemmen ist für grosse Leute (wozu ich mich zähle) wirklich anstrengend und verspricht Schulterschmerzen.
Die Erfahrung war unglaublich. Unglaublich Japanisch. Aber man findet nicht so einfach heraus, warum man diesen Schrein jetzt durch die Strassen trägt. ;)

Von JP-Mikoshi