Donnerstag, 25. März 2010

Auf unbestimmte Zeit in Singapur

Ich lebe nun seit bald drei Monaten in Singapur und werde an dieser Stelle immer wieder kleine Dinge aus meinem Alltag schildern.
In der Zwischenzeit erschien ein kleines Portät von mir in der Schaffhauser "Arbeiter Zeitung", gegründet als Sprachrohr des Generalstreiks 1918, heute eine lokale Wochenzeitung die politisch links Stellung bezieht. Naja, ich habe tendenziell eher einen linken Hintergrund, doch in meiner heutigen Situation eher Symbol der Globalisierten (Arbeits-)welt. In einem gewissen Sinne bringe ich jedenfalls Know-how nach Asien, wo es dringend benötigt wird. Die sich entwickelnden Volkswirschaften Ostasiens haben ein grosses Bedürfnis nach Infrastrukturbauten. Der Bauingenieur kommt!

Ich kopiere unten also das Porträt hinein (freundlich genehmigt), empfehle jedoch die PDF Version unter Seite1 und Seite2 zu finden.



Schon ein gewisser Kulturschock

Den Schaffhauser Florian Dieterle hat es nach seinem Bauingenieurstudium nach Singapur verschlagen. Dort arbeitet er im für ganz Asien zuständigen Planungsbüro einer Schweizer Firma.

Von Susi Stühlinger.
Die Verbindung steht. Florian Dieterle lacht aus dem Bildschirm, die halbe Redaktion starrt ihm, angelockt durch die Wunder der modernen Kommunikationstechnik entgegen. Es ist das erste «az»-Interview, das via «Skype» geführt wird. Bei ihm stehen die Uhrzeiger auf kurz vor neun Uhr abends und das Thermometer bei knapp 30 Grad Celius, während hier das Mittagessen grade erst im Magen angekommen ist und es draussen nicht aufhören will, zu schneien. Seit einem Monat weilt Florian Dieterle in Singapur. Dort hat der Bauingenieur, der in Stein am Rhein aufwuchs und im vergangenen Jahr sein ETH-Studium abschloss, seine erste Stelle angetreten.
«Jaja», antwortet er auf die Frage, ob er sich bereits einigermassen eingelebt habe. Das klingt reichlich nonchalant, wird jedoch verständlich, wenn man weiss, dass dies nicht sein erster Auslandaufenthalt ist, weilte er doch bereits für ein Berufspraktikum in Kasachstan und für sein letztes Studienjahr in Tokio. Dennoch ist diesmal etwas anders, denn: Der Aufenthalt in Singapur ist unbefristet. Ein paar Jahre wolle er schon bleiben, so der 25-Jährige, ganz genau weiss er es jetzt noch nicht. «Vertraglich bin ich verpflichtet, mindestens ein Jahr zu bleiben. Aber wenn ich mich erst gerade so richtig an alles gewöhnt habe, gleich wieder woanders hinzugehen, wäre ja auch unsinnig.»
Florian Dieterle arbeitet bei einer international tätigen Schweizer Baufirma, die sich auf Brücken spezialisiert hat. Vierzig Mitarbeiter beschäftigt der Standort Singapur, gut die Hälfte arbeitet an lokalen Projekten. Die andere Abteilung, welcher auch Florian Dieterle angehört, nennt sich «technisches Zentrum Asien» und ist für Planungsarbeiten zuständig: Etwa 15 Brücken erstelle die Firma gegenwärtig in Asien und Australien, erzählt der Bauingenieur. «Meine Aufgabe ist es, Brücken im Bauzustand mittels Statikberechnungen zu analysieren.» Seine Mitarbeiter stammen aus Singapur, China, Indien. Die Zusammenarbeit mit ihnen sei unproblematisch, so Dieterle, auch wenn er sich erst noch ein bisschen in der Gruppe zurechtfinden müsse. «Schweizer werden erfahrungsgemäss gut aufgenommen, wenn Vorurteile existieren, dann meist positive.» Dass er auf Angestelltenebene in seiner Abteilung der einzige Schweizer ist, erklärt er folgendermassen: «Die Schweizer beginnen ihre Karriere in der Regel zu Hause und werden dann irgendwann als Kaderleute ins Ausland geschickt.» Er hingegen hat sich, nach einem ersten Assessment in der Schweiz, gleich direkt in Singapur vorgestellt und dort den Vertrag unterschrieben. Das war Ende November letzten Jahres. Mittlerweile hat er eine Wohnung bezogen, die er selber suchen musste. «Das ging via Internet und ist bei der hohen Fluktuation hier relativ einfach». Während die Firma den in der Schweiz eingestellten Mitarbeitern Wohnungs- und Reisekosten erstattet, müsse er selber für diese aufkommen, so Dieterle. Allerdings erhalte er von der Firma dafür einen Zustupf.
Aber wieso wollte er denn überhaupt in Asien arbeiten? Einerseits sei die Infrastruktur in Europa schon sehr gut ausgebaut und darum werden relativ wenig Riesenprojekte wie Brücken mit Grossspannweiten neu gebaut. Im sich stark entwickelnden Süd- und Ostasien sei der Bedarf nach solchen Grossprojekten akut. „Andererseits möchte ich auch das hochentwickelte Ingenieur-know-how in die Welt tragen. Dorthin, wo ich denke dass es am meisten gebraucht wird. Dort warten auch die spannendsten Aufgaben auf mich.„

Sein Arbeitstag dauert acht Stunden. Am Morgen holt ein Bus ihn zu Hause ab und fährt ihn nach der Arbeit auch wieder zurück.
Dann bleibt Florian Dieterle Zeit, den Stadtstaat besser kennenzulernen. Speziell findet er vor allem den Mix aus drei Kulturen. «Es gibt viele Chinesen, Inder und Malaien. Obwohl sie oft die Staatsbürgerschaft haben, sehen sie sich nicht in erster Linie als Singapurer, sondern fühlen sich zu ihrer Ethnie zugehörig.» So sehe man in einem Stadtteil viele indische Geschäfte und Tempel, während man anderswo besonders gut Chinesisch essen könne. Und trotz der exotischen Atmosphäre, muss er in Singapur nicht auf westlichen Lebensstil verzichten. «Das Transportsystem ist super, die Räume überall klimatisiert. Verglichen mit anderen Orten in Südostasien ist es ziemlich angenehm und nicht gerade voll das Abenteuer.» Dennoch gibt es sie, die kleinen Unterschiede: «Viele der Geschäfte sind 24 Stunden geöffnet, wenn du plötzlich in der Nacht aufwachst, könntest dir im Laden schnell ein Bier holen.» Ein anderes kleines Beispiel sei die Abfalltrennung. «Da wird einfach alles in einen Sack geschmissen, die Trennung dann im Nachhinein von Hand und mit speziellen Maschinen vorgenommen.»
Was die Insel am untersten Zipfel von Malaysia an Freizeitbeschäftigungen biete, finde er gerade heraus, meint Florian Dieterle: «Es gibt viele Parks, wo ich auch schon Joggen oder Velofahren war.» Allgemein erfreuten sich Wassersportarten, auch ziemlich verrückte, wie etwa Wasserski grosser Beliebtheit bei der Bevölkerung. «Es gibt auch Badestrände, aber die sind nicht gerade schön: Den ganzen Tag fahren riesige Frachtschiffe hin und her, das Wasser ist alles andere als sauber.» Da zieht Florian Dieterle es vor, einen der zahlreichen, in der ganzen Stadt verteilten Swimming Pools zu besuchen, die für umgerechnet etwa einen Franken zugänglich sind.
Er versuche, sich jetzt langsam einen Bekanntenkreis aufzubauen, sagt Florian Dieterle. Und wer bis anhin gedacht hat: Der arme Junge, so ganz allein so weit weg von zu Hause, der sei an dieser Stelle beruhigt, denn er fährt fort: «Meine Freundin ist schon ein Bisschen früher hergezogen und hat bereits einige Kontakte geknüpft ...» Freundin? In der Tat. Und so klärt sich dann auch auf, wieso es Florian Dieterle ausgerechnet nach Singapur verschlagen hat: «Wir haben gemeinsam überlegt, welche Stadt für uns sprach- und jobmässig in Frage kommt.» Die Wahl der Beiden fiel auf Singapur, wo Dieterle seinem Ingenieurberuf nachgehen kann, während seine Freundin in der Tourismusbranche arbeitet.
So scheint die Gefahr von akutem Heimweh nicht gar so gross zu sein. «Es könnte mir vielleicht schon passieren, dass ich in einer Krise versucht bin zu denken: In der Schweiz wäre doch alles besser», meint Dieterle. Damals in Tokio habe er das auch schon erlebt. Und ganz so leicht wie bei den letzten Reisen ist ihm der Abschied von der Schweiz doch nicht gefallen. «Es ist schon etwas anderes, wenn man an einem Ort so ziemlich alles aufgibt und nicht weiss, wann man die dagebliebenen Freunde das nächste mal wiedersieht.» Und so locker lässt man offenbar auch nicht einfach alles hinter sich, ausser ein paar persönlichen Gegenständen und Fotoalben, und beginnt in neues Leben. «Es ist ein Anpassungsprozess, der nicht immer nur leicht fällt. Und ab und zu macht sich schon ein gewisser Kulturschock bemerkbar.»
«Ich würde es nicht verneinen», antwortet Florian Dieterle auf die Frage, ob er es für sich für möglich halte, in Singapur sesshaft zu werden. «Es lässt sich relativ gut hier leben. Für mich wäre allerdings Bedingung, dass ich mich inmitten der verschiedenen Kulturen wohl fühlen kann. Sonst besteht die Gefahr, ausschliesslich unter Westlern zu landen. Obwohl es sich selbst dann leben liesse: Es gibt einen Swiss-Club, wo man jedes Wochenende Rösti essen kann. Und gerade in Zeiten, wo man vielleicht ein bisschen Heimweh hat, läuft man schon Gefahr, sich nur noch dort aufhalten zu wollen.»

Samstag, 6. März 2010

Artikel Schaffhauser Nachrichten

Folgender Artikel über meine Diplomarbeit an der Uni Tokio wurde kurz vor Weihnachten 2009 in der Reihe Schaffhauser Forscher der Schaffhauser Nachrichten veröffentlicht. Das Originallayout ist als .pdf mit einem Klick hier zu erreichen. Untenstehend ist der Text hineinkopiert.

Wenn der Boden unter den Füssen zerfliesst



Handwerk des Bauingenieurs
Das eigentliche Handwerk des Bauingenieurs ist der rechnerische Nachweis der Gebrauchstauglichkeit (Verformungen) und Tragsicherheit (Spannungen) eines Bauwerkes. Für diesen Nachweis wird die Einwirkung auf das Tragwerk mit seinem Widerstand an den kritischen Stellen verglichen. Wenn die rechnerische Einwirkung grösser ist als der Widerstand, müssen konstruktive Massnahmen des Tragwerksentwurfs ergriffen werden. Mögliche Einwirkungen sind Eigengewicht des Baumaterials, Wind-, Schnee-, Nutzlasten, Feuer oder Erdbeben. Da man die Grösse der Lasten - die in Zukunft auftreten werden - nicht genau kennt, werden sie statistisch ermittelt aufgrund der Daten aus der Vergangenheit.
Der Widerstand andererseits wird aus physikalischen Modellen und Materialeigenschaften ermittelt. Letztere werden aus Materialtests im Labor und z.T. auch auf der Baustelle bestimmt. Dabei können sich die Materialeigenschaften selbst unter der Belastung verändern, wie dies beim Phänomen Bodenverflüssigung sehr ausgeprägt auftritt, welches im Folgenden beschrieben wird.

Phänomen Bodenverflüssigung
Boden (sog. Lockergestein im Gegensatz zu Fels als Festgestein) besteht aus einzelnen Körnern verschiedener Grösse, deren Zwischenräume mit Luft und Wasser gefüllt sind. Das Gesamtverhalten wird dabei bestimmt durch die Dichte der Lagerung, Form und Grösse der Körner und die Art der Lasttaufbringung. Die Last wird dabei einzig durch den direkten Kontakt zwischen den einzelnen Körnern übertragen, wodurch diese Kontaktkräfte Schlüssel zum Verständnis des Bodenverhaltens werden.
Wenn locker gelagerter, mit Wasser gesättigter Sand sehr schnell verdichtet wird (wie z.B. bei einem Erdbeben), hat das Wasser in seinen Zwischenräumen nicht genügend Zeit, an die Oberfläche zu entweichen. Dadurch entsteht ein sehr grosser Wasserdruck, der die Sandkörner aufschwimmen lässt wodurch sich das Bodengemisch wie eine hochviskose Flüssigkeit verhält. Dieses Phänomen wird Bodenverflüssigung genannt und kann ganze Dämme zerstören, Stützwände verschieben oder Häuser umkippen lassen.
Bodenverflüssigung tritt in Japan aus zwei Gründen speziell oft auf. Erstens da die Erdbebenintensität an der tektonischen Grenze der Eurasischen, Nordamerikanischen und Philippinischen Platte sehr hoch ist. Zweitens weil viele lockere Sanddeponien in Küstennähe bestehen durch Aufschüttungen von künstlichen Inseln aus Platzmangel.

Austausch nach Tokio

Mein spezielles Interesse im Erdbebeningenieurwesen liess mich über einen Aufenthalt an einer Gastuniversität Japan nachdenken, wo dieses Fachgebiet durch die grosse Erdbebengefährdung sehr weit entwickelt ist. Durch ein akademisches Mobilitätsprogramm erhielt ich dann die Möglichkeit, mein letztes Studienjahr und damit auch meine Diplomarbeit an der renommierten Universität Tokio (jap. Tokio Daigaku) zu absolvieren. Betreut wurde die Arbeit von Professor Puzrin von der ETH und Professor Towhata von Tokio, womit ich stets zwei Meinungen hatte aus zwei Fachgebieten, zwei Bildungssystemen und zwei Kulturen.



Rütteltischversuche Untersuchungen von Erdbebenphänomenen im Labor
Erdbebenphänomene können durch Experimente einerseits und durch Computersimulationen andererseits systematisch untersucht werden. Im Rahmen meiner Diplomarbeit an der Universität Tokio befasste ich mich mit der Vermeidung von grossen Verformungen von verflüssigtem Boden durch Baugrundverbesserungen mit Zementsäulen. Letztere werden durch Mischen von Zement mit dem vorhandenen Bodenmaterial zu einer festen Säule gemacht. Der sich verflüssigende Boden muss so um diese Säulen herum fliessen, was die Bewegung stark reduziert. Fragestellung war, wie steif die Säulen tatsächlich sein und in was für einem Raster sie angeordnet werden sollen.
In Modellexperimenten auf dem Rütteltisch (siehe Bilder unten) wurden die Einflussparameter der Säulen auf das Ausmass der Bodenverflüssigung und das Ausmass der Verformungen. Diese beiden Grössen stehen bemerkenswerterweise nicht in direktem Zusammenhang, da die hohen Wasserdrücke bei weichen Strukturen besser entweichen kann. Diese Experimente wurden in einem Massstab von 1:10 durchgeführt, damit die Modelle überhaupt auf dem Rütteltisch Platz fanden. Die Massstabseffekte sind stets ausführlich zu prüfen; im vorliegenden Fall sind die Kräfte aus Eigengewicht sehr klein, da das Modell viel weniger hoch ist.

In einem zweitem Schritt wurde ein Computermodell durch die vorangehenden Experimente kalibriert und verschiedene Anordnungen der Zementsäulen im Detail verglichen. Die Computerberechnungen basierten auf Fluiddynamik und nicht auf Festkörpermechanik, was auf dieses Problem angewandt ein neuer Ansatz ist. Da das Computermodell beliebig skaliert werden konnte, wurde der Massstabseffekt hier nochmals überprüft.
Aus diesen Untersuchungen konnte gefolgert werden, dass die Eigensteifigkeit der Säulen ein Schlüsselparameter für das Gesamtverhalten des Bodens ist und dass eine zufällige, chaotische Anordnung besser ist als in geraden Reihen, da der Boden dann keine geraden Fliesskanäle hat.

Dieses Forschungsprojekt wird in Zusammenarbeit mit der Privatindustrie weitergeführt, um konkrete Empfehlungen für die Baugrundverbesserungen in der Baupraxis zu entwickeln.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Studienbericht über meinen akademischen Austausch als Bauingenieur an „The University of Tokyo“ 2009

Liebe Leser
Mein toller Studienaufenthalt und damit auch mein Studium sind beendet. Ich habe dazu einen Studienbericht für die Mobilitätstelle geschrieben und um ihn einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, poste ich ihn hier im Blog. Der Detaillierungsgrad ist allerdings v.a. für Studenten gedacht, die ebenfalls einen solchen akademischen Austausch erwägen.
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Studiengang: Bauingenieurwissenschaften MSc ETH Zürich
Gasthochschule: The University of Tokyo, Tokyo Daigaku
Aufenthaltsdauer: von Okt. 08 bis Aug. 09 (9.&10. Semester)
Art der Studien: Master Vorlesungen, Projektarbeit, Masterarbeit


Vorbereitungen:
Ich entschied im Januar 2008 mich für ein Austauschsemester an der Universität Tokio (Todai) zu bewerben, mit der die ETH ein bilaterales Abkommen unterhält. Im Vordergrund stand für mich das Leben in einer fremden Kultur, aber auch das Kennenlernen des Unilebens dort. Japan ist führend im Erdbebenwesen und die Universität Tokio ist die renommierteste Universität in Japan, wohl in Asien überhaupt. Die Bewerbung nach Tokio war anfangs eher aus spontaner Neugierde, stellte sich später aber als sehr gut heraus und ich bereute diese Entscheidung nie.
Als ich die Zusage von der Mobilitätsstelle erhielt, konnte ich über Prof. Puzrin (ETH) den Kontakt zu Prof. Towhata (Todai) knüpfen, der eine Gruppe im Geotechnischen Erdbebenwesen führt und sich einverstanden erklärte, meine Projektarbeit (Semesterarbeit) zu betreuen.

Ankunft:
Ich reiste schon einen Monat vor Semesterbeginn an, da dieses gegenüber der Schweiz verspätet beginnt und ich mir einige Zeit für die Akklimatisation und die Erkundung der Inseln erlauben wollte. In dieser Zeit reiste ich mit dem Zug durch die Hauptinsel und hatte erste Berührungen mit Japanischer Sprache und Kultur. Ich war sehr neugierig diese Menschen kennen zu lernen. Ihre Schriftzeichen schienen mir wie abstrakte Zeichnungen, ihre Körpersprache oft missverständlich. Doch nie mangelte es an Hilfsbereitschaft, obwohl der Umgang mit Fremden sehr zurückhaltend ist. Wenn man sich aber auf sie einlässt und den Kontakt mit dem nötigen Feingefühl sucht, fühlt man sich bald geborgen in Japan.

Ausländische Studenten:
Da die Todai als die beste Universität Asiens gilt, kommen viele Studenten aus Asien für einen Studienabschluss hierher. Sie erhalten ein Stipendium (meist von der japanischen Regierung) und kehren nach dem Studium oft zurück in ihr Ursprungsland, wodurch ein Wissenstransfer geschehen kann. Viele von ihnen kommen aus China, Korea, Vietnam, Pakistan, Indien oder den Philippinen. Auch aus Südamerika (v.a. Kolumbien) kommen einige. Diese Studenten haben einen so starken Selektionsprozess hinter sich, dass sie sehr motiviert sind hier zu studieren und die Entwicklung ihres Landes voranzutreiben.
Die Studenten aus Europa sind oft als Austauschstudenten hier für ein bis zwei Semester und suchen nicht nur die akademische, sondern auch die kulturelle Erfahrung. V.a. Das Bauwesen (Architektur, Bauingenieurwesen) und Robotik sind sehr beliebt und dadurch auch internationaler (sprich englischsprachiger).
Da all diese Studenten in ähnlicher Lage sind und neue Bekanntschaften suchen, findet man einfach gleichgesinnte an den Studentenpartys, die zu Semesterbeginn sehr zahlreich sind.

Tutorat:
Mir wurde eine Studentin als Tutorin zugeteilt, die mir im Alltagsleben behilflich war, da anfangs selbst kleine Dinge unverständlich erscheinen. Viele Formulare müssen ausgefüllt werden, alles (bis zum Fahrrad) muss registriert werden. Sie half mir auch die Vorlesungen zu planen und die Zimmereinrichtung einzukaufen. Auch das Office of International Students (OICE) der School of Engineering und die Foreign Students Organisation (FSO) des Bauingenieurdepartementes sind sehr hilfsbereit bei akademischen sowie alltäglichen Fragen.

Wohnen:
Ich erhielt ein Zimmer in einem Studentenheim auf dem Komaba Campus. Das Zimmer ist sehr klein (rund 12 m2), beinhaltet aber eigentlich alles Nötige. Ein Raum mit ausklappbarem Bett, eine Wohnwand mit integriertem Tisch, Lampen, Kühlschrank, Herdplatte und einer kleinen Dusch/WC Kabine. Geschirr, Bettzeug usw. Muss selbst eingekauft werden, ev. Kann es aber von einem ausziehenden Studenten übernommen werden.
Der Balkon bietet wunderbare Aussicht auf den naheliegenden und sehr lebhaften Stadtteil Shibuya. Ich kann das Wohnheim „Komaba International Lodge“ empfehlen bei der Angabe der Prioritäten. Wem ein grosszügigeres, schöneres Zimmer wichtiger ist als die Lage und der Preis, der kann sich auch in „Odaiba“ bewerben, das jedoch ziemlich abseits vom zentralen und lebhaften Teil Tokyos befindet, aber eine sehr gute Infrastruktur für Studenten unterhält.

Exkurs über Japans Bildungssystem:
Japan ist sehr leistungsorientiert und Bildung hat einen nicht überschatzbaren Stellenwert. Die Kinder werden schon früh in ausgewählte Schulen geschickt, danach am Abend noch zusätzliche Nachhilfe, denn je besser die Schule, desto grösser die Chance, später die Aufnahmeprüfung an eine angesehene Universität zu bestehen. Wurde das Kind dort mal aufgenommen, können die Studenten zum ersten Mal Durchschnaufen nach gut einem Jahrzehnt konstantem Bildungsdruck. Da die Aufnahmeprüfungen so kompetitiv sind, hat kaum noch jemand Probleme seinen Abschluss zu kriegen. Das Klima an den Unis ist darum relativ entspannt, das Studium steht oft nicht in direktem Bezug zum späteren Beruf. Hauptsächlich der Name der Uni bestimmt die Jobaussichten und wirklich auf den Job trainiert wird man erst in der Firma selbst, für die man meist sehr lange tätig sein wird. Hauptsächlich möchten die japanischen Firmen einfach intelligente Studenten; das Fachgebiet ist dabei zweitrangig.

Universität Tokio:
Die Todai ist unbestritten die Nummer Eins und darum ist das Niveau der Studenten hoch. Von vielen der Abgänger wird erwartet später Führungsrollen in der Forschung zu bekleiden, darum sind die Studiengänge auch sehr forschunsorientiert. Der Hauptteil des Bachelor- und Masterstudiums besteht aus je einer Abschlussarbeit. Die Vorlesungen machen im Gegensatz zur ETH nur einen kleinen Teil aus. Während dem zweijährigen Masterstudium müssen 10 Vorlesungen besucht werden (im Vergleich zu gut 20 Vorlesungen an der ETH).
Bei der Studentenbetreuung gibt es keine Zwischenstufe von betreuenden Assistenten, im Gegensatz zum Mittelbau an der ETH. Als Masterstudent wird man etwa gleich behandelt wie Doktoranden, man erhält einen Forschungsauftrag und über den diskutiert man dann direkt mit dem Professor. Grundsätzlich ist ein ordentlicher Professor der Leiter des Labs. Alle andern vom Assistenzprofessor bis zum Bachelorstudenten sind fast auf gleicher Hierarchie. Niemand entscheidet über den Andern, abgesehen vom Professor.

Lab:
Sobald man von der Universität angenommen wird, wird man der Gruppe des betreuenden Professors zugeteilt, dem sogenannten Lab (Laboratory). Als Student ist man viel mehr im Lab eingebunden als im Studienjahrgang, da man im Lab einen Arbeitsplatz bekommt, wöchentlich ein Seminar hat und auch sonstige Aktivitäten macht. Einige Studenten wohnen fast im Lab, sprich sie essen dort und wenn sie sich viel Arbeit angesammelt haben, schlafen sie auch mal auf der Couch im Lab.
Alle im Lab kümmern sich sehr um ihre Mitstudenten. Die Beziehung zum betreuenden Professor ist ähnlich wie zwischen Doktoranden zu ihren Professoren an der ETH. Man geht ev. auch zusammen auf Ausflüge/Baustellenbesuche und Konferenzen.
Mit den restlichen Professoren hat man nur wenig Kontakt.

Projektarbeit:
Da die Todai sehr forschungsorientiert ist und man selbstständige Arbeiten erledigen soll, ist der Austausch am einfachsten, wenn man das Forschungsprojekt an der ETH als Arbeit anrechnen kann, z.B. Als Projektarbeit oder Masterarbeit. Bei einem Austausch im Bachelorstudium müssten man Mastervorlesungen besuchen, da die Bachelorvorlesungen in Japanisch gehalten werden.

Vorlesungen:
Die Vorlesungsqualität am Bauingenieurdepartement ist durchaus vergleichbar mit der ETH. Es wird viel Konzeptionelles gelehrt, Erdbebenwesen und Numerische Methoden haben einen relativ hohen Stellenwert. Baunormen sind nicht Inhalt des Studienplans, da diese in der Firma selbst gelehrt werden. In andern Departementen ists z.T. Deutlich schwieriger ohne Japanisch Kenntnisse.
Die ersten paar Wochen wurden sehr gemächlich angegangen, da es v.a. im Herbst viele ausländische Studenten gibt, die sich zuerst angewöhnen müssen. Die Vorlesungen werden gegen Semesterende z.T. aufwändig, da bewertete Übungen gelöst werden müssen. Diese Übungen sind anspruchsvoll, v.a. die Numerischen Simulationen. Manche Professoren machen Prüfungen, die den Übungen sehr ähnlich sind.
Ich habe pro Vorlesung drei Kreditpunkte erhalten und habe fünf Vorlesungen besucht, was auch die regulären Studenten machen. Zusammen mit der Projektarbeit (9 KP) hatte ich also 27 KP erhalten, da der Japanischkurs auch dazuzählte. Dies kann ich weiterempfehlen, obwohl am Semesterende ziemlich viel zusammen kommen könnte.

Japanische Sprache:
Es empfiehlt sich natürlich, schon in der Schweiz zu beginnen mit dem erlernen der Japanischen Sprache. Die Sprache ist indogermanischen Sprachen sehr fremd, einerseits durch die Art wie Sätze gebildet werden. Während die Aussprache relativ unproblematisch ist, sind Lesen und Schreiben der chinesischen Schriftzeichen, die durch zwei Silbenalphabete ergänzt werden, sehr schwierig. Wenn man nicht sehr viel Zeit für Sprachkurse aufwendet, kann man nach einem Jahr immer noch nur beschränkt kommunizieren. Die wichtigsten Sätze fürs tägliche Leben sind aber einfach zu erlernen.
An der Todai existiert ein sehr breites Angebot von Japanisch Kursen, die meisten davon sind mehrmals die Woche ca. 1.5h. Das Lernklima ist v.a. In den Anfängerkursen spassorientiert, da prioritär Freude an der Japanischen Sprache geweckt werden soll und die Grundlagen fürs tägliche Leben erarbeiten soll. Dazu gehört auch das Verständnis der Japanischen Traditionen, sodass man auch mal eine Lektion beim Teetrinken oder beim Klatschen im Tempel verbringt. Obwohl der Zeitaufwand gross erscheint, empfehle ich Kurse zu besuchen. Ich wählte den Anfängerkurs J1 der „School of Engineering“, der mir viel Spass bereitet hat. Die Lehrerinnen sprechen relativ gut Englisch und erklären ihre eigene Kultur mit einem Augenzwinkern.
Im Bauingenieurdepartement kommt man durchaus mit Englisch durch, da es sowieso sehr gute Japanischkenntnisse bräuchte, bevor man mit seinem Professor in Japanisch sprechen würde.

Verlängerung meiner Aktivität:
Ursprünglich plante ich nur das dritte Mastersemester (9. Semester) mit einer Projektarbeit zu machen. Das urbane Leben in Tokyo faszinierte mich und die Betreuung durch meinen Professor war sehr gut. Ein Semester scheint in einer so fremden Kultur sehr kurz und kaum fühlt man sich wohl, muss man schon wieder abreisen. Darum bewarb ich mich für ein weiteres Semester und absolvierte schliesslich auch meine Masterarbeit hier. Das Themengebiet war im Wesentlichen dasselbe, „Effekt Verminderung von Deformationen von verflüssigtem Sand“, mit Rütteltischversuchen einerseits und Numerische Fluid Dynamik andererseits.
Wenn man den ganzen Bachelor an der ETH Zürich absolviert hat, darf man gemäss Studienreglement die Hälfte der Kreditpunkte auswärts erwerben. Von dieser Regelung profitierte ich.

Kosten:
Grundsätzlich ist Japan ein teures Land. Für die meisten Produkte wird leicht mehr bezahlt als in der Schweiz. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen dass alles in den Warenhäusern von sehr hoher Qualität ist.
Essen auswärts in den kleinen Restaurants ist relativ günstig (oft günstiger als wenn man sich westliche Kost selbst kocht). Es gibt Nudeln für (400 Yen) 5 CHF, Sushi ab 1000 Yen, ein Mittagsmenue für rund 700 Yen. V.a. Fisch ist natürlich deutlich günstiger als in der Schweiz.
Der öffentliche Verkehr ist relativ teuer. Fürs pendeln mit der U-Bahn und besuchen verschiedener Teile von Tokyo braucht man mehr als 100 CHF pro Monat. Eine Einzelfahrt mit der U-Bahn kostet 2 bis 3 CHF.
Das Wohnen in den günstigsten Studentenheimen ist sehr preiswert, wenn auch bescheiden. Die Miete inkl. Nebenkosten kommt auf rund 150 CHF. Wenn man keinen Wohnheimplatz hat, zahlt man ähnliche Preise wie in der Zürich. Wohngemeinschaften sind eher unüblich, meist werden Einzelzimmer vermietet die einen eigenen Eingang haben.
Wenn man also Essen, Wohnen und Transportieren als den Hauptkostenpunkt betrachtet, kann man in Tokio als Student mit gleichem Budget wie in Zürich leben. Zählt man aber alle Freizeitaktivitäten wie Sport, Ausflüge, Ausgehen auch dazu, wird man leicht mehr Geld ausgeben.

Für den Flug kann ein Antrag für Studienbezogene Reisekosten gestellt werden bei der Erich Degen Stiftung. Da ein bilaterales Abkommen zwischen ETH und Todai besteht, muss man nur die Studienkosten an der ETH normal weiterbezahlen. An der Todai wären sie bedeutend höher für reguläre Studenten.


Mein Aufenthalt in Tokio war sehr bereichernd und ich fühlte mich hier sehr wohl. Ich kann die Todai durchaus weiterempfehlen für einen Austausch.